Allgemein

Der „Logische Fehlschluss der Berufung auf die Natur“: Warum „natürlich“ nicht unbedingt „gut“ und „unnatürlich“ nicht unbedingt „schlecht“ ist.

Mit 10 Jahren wurde ich sprichwörtlich über Nacht zur Vegetarierin, nachdem ich im Münchner Museum „Mensch und Natur“ einen Film über die industrielle Tierhaltung gesehen hatte. Es dauerte dann ganze 18 Jahre, bis ich vegan wurde. Dabei wäre ich schon mit 16 Jahren fast zur Veganerin geworden. Was mich von diesem Schritt abhielt? Im Grunde genommen ein weit verbreiteter, logischer Denkfehler: Der sogenannte „appeal to nature logical fallacy“ (deutsch etwas holprig „Logischer Fehlschluss der Berufung auf die Natur“).

Wie sah dieser Denkfehler konkret aus? Ein Bekannter meiner Mutter lieh mir damals ein Buch zu veganer Ernährung aus. Ich war erst sehr fasziniert von den ökologischen, ethischen und gesundheitlichen Aspekten einer rein pflanzlichen Ernährung. Irgendwann kam ich in dem Buch dann aber an die Stelle, an der darauf hingewiesen wurde, dass die Einnahme eines Vitamin B12 Supplements bei einer rein veganen Ernährung unbedingt erforderlich sei. Als ich das las, schlug ich das Buch zu, legte es zu Seite und beschloss, dass „so eine Ernährung“ definitiv nicht gesund und vollwertig sein könne, da sie ja die Einnahme von „unnatürlichen“ Nahrungsergänzungsmitteln erforderte. Es dauerte 12 weitere Jahre, bis ich verstand, dass es sich bei dieser Folgerung um einen logischen Fehlschluss handelte. 

Der appeal to nature fallacy beschreibt den logischen Fehlschluss, „natürliche“ Dinge mit „gut“ und „gesund“ und im Umkehrschluss „unnatürliche“ Dinge mit „schlecht“ und „ungesund“ gleichzusetzen. Was bei diesem Fehlschluss vergessen wird, ist zum einen die Tatsache, dass wir generell sehr weit von einer sogenannten „natürlichen“ Lebensweise entfernt sind. Zum anderen „interessiert“ es die Natur nicht unbedingt, ob etwas für uns gut oder schlecht ist. Somit kann „natürlich“ auch nicht automatisch mit „gut“ (und umgekehrt) gleichgesetzt werden.

Wir leben überwiegend in geschlossenen Räumen, tragen Kleidung und haben uns im Laufe der Menschheitsgeschichte immer weiter in äquator- und meeresferne Gebiete vorgewagt, was die Bildung von bzw. die Versorgung mit Vitamin D (jahreszeitlich bedingte, unzureichende Sonneneinstrahlung auf der Nordhalbkugel) und Jod (jodarme Böden und Luft in meeresfernen Gebieten) erschwerte. Wir ernähren uns heute überwiegend von Kulturpflanzen statt Wildpflanzen, was zwar die Versorgungssicherheit und teilweise auch den kulinarischen Aspekt deutlich verbesserte, aber auch mit einer Einbuße an Nährstoffen wie Eisen, Calcium und Vitamin C einherging.

Wir haben Möglichkeiten gefunden, unsere Nahrung und unser Trinkwasser hygienisch aufzubereiten und von potentiell krankmachenden Mikroorganismen zu befreien. Damit ist aber auch eine ehemals relevante Vitamin B12-Quelle verloren gegangen, da Vitamin B12 von Mikroorganismen synthetisiert wird, welche unter anderem in naturbelassendem Wasser und auf nicht gereinigten Pflanzen zu finden sind. Trotzdem möchte wohl kaum jemand auf sauberes Trinkwasser oder auf das Säubern von Gemüse verzichten, nur weil das „natürlicher“ wäre. Da auch die meisten Tiere in der industriellen Tierzucht gereinigtes Wasser und Futtermittel aus gereinigten Pflanzen erhalten, die auf teilweise jod- und selenarmen Böden wachsen, werden dem Tierfutter systematisch Nährstoffe wie Vitamin B12, Jod, Selen, Vitamin D und viele weitere zugesetzt.

Auch in vielen weiteren Bereichen unseres Lebens gibt es „unnatürliche“ Errungenschaften, die aber wohl kaum einer eintauschen möchte gegen ein „natürliches“ Leben ohne diese Möglichkeiten: Während noch vor nicht allzu langer Zeit eine Infektion mit dem Bakterium Clostridium tetani (Auslöser der Tetanus-Erkrankung) den fast sicheren Tod bedeutete, können wir uns heute gegen diese Krankheit impfen lassen. Es wäre auch „natürlich“, wenn ein nicht unbeachtlicher Teil der Mütter und Neugeborenen während oder kurz nach der Geburt sterben würde. Glücklicherweise haben wir „unnatürliche“ Errungenschaften wie Antibiotika, die bei einer sogenannten Schwangerschaftsvergiftung eingesetzt werden können oder den Kaiserschnitt, wenn eine „natürliche“ Vaginalgeburt nicht möglich ist. Dass „natürlich“ nicht gleichzusetzen ist mit „gesund“ wird spätestens klar wenn wird daran denken, was passiert, wenn wir „natürliche“ Pflanzen wie die Tollkirsche oder den Knollenblätterpilz essen. 

Wenn es um unsere Gesundheit und im speziellen um unsere Ernährung geht, sollte die Frage also nicht unbedingt immer „Ist das natürlich?“ lauten, sondern primär „Unterstützt das mein Ziel, gesund zu bleiben bzw. zu werden?“. 

Noch ein Wort zum sehr wichtigen Thema Vitamin B12: Es besteht eine sehr realistische Chance, dass Veganer in nicht allzu langer Zeit ihren Vitamin B12-Bedarf über „natürliche“ Lebensmittel wie bestimmte Pflanzen-, Algen- oder Pilzarten sowie fermentierte Produkte wie Joghurt oder Sauerkraut, die mit Vitamin B12- produzierenden Bakterien hergestellt werden, decken können. Die Forschung zur Herstellung solcher Lebensmittel hat jetzt, nachdem ein zunehmender Bedarf an solchen Produkten besteht, begonnen. Zum momentanen Zeitpunkt ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 über solche Lebensmittel aber nicht sicher möglich, sodass eine direkte Supplementierung mit einem Vitamin B12-Präparat unbedingt notwendig ist. Dies gilt ganz besonders für die besonders sensiblen Lebensphasen der Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit. Ich halte diese Form der Vitamin B12-Bedarfsdeckung für deutlich sinnvoller, nachhaltiger, ökologischer und ethischer als die indirekte Supplementierung über das Tierfutter.

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